Radteam Tharandter Wald

20. FichKona 2017 oder wie der Trockenwurm sich ans Meer kämpfte

 

fichkona17 c p web

 

Nun war es endlich wieder soweit, Nikolaustag 2016, im frisch geputzten Schuh – die Startplatzzusage für die Teilnahme an der 20. FichKona (FiKo). Die Freude war verhalten bis euphorisch. Jetzt hatte, das bis dahin noch nicht konzipierte Wintertraining wieder einen Sinn – ab auf die Rolle und gestählt im Frühjahr raus auf die Straße – so die Theorie. In der Praxis kam der Winter erst im Januar und bis dahin wurde die frische Luft noch ordentlich und manchmal auch via Schnappatmung inhaliert. Das etwas zu kurz ausgefallene Frühjahr und die, aufgrund des frühen sächsischen Ferienbeginns, doch recht zeitige Terminierung dieser Badefahrt auf den 17.06.2017, forderten eine optimale Nutzung der Trainingszeit. Die muskuläre Vorbereitung sollte mit etwa 5K km in den Beinen ausreichen.


Nun hieß es noch Daumen drücken, denn für das Radteam Tharandter Wald (RTTW) stand noch unser Dienstältester (lieber Wolf) auf der Warteliste für diese Veranstaltung.


FiKo -14 Tage: Die körperlichen Vorbereitungen liefen optimal, die mentale Präparation musste jedoch leider Tiefschläge einstecken. So teilte mir der Onlineshop, wo die neuen Felgen bestellt waren, mit, dass die Bestellung nicht weiter vermittelt wurde und somit der Liefertermin sich deutlich verschieben wird. Am Ende kam das Ma-terial doch noch sechs Tage vor dem Start und fand natürlich umgehend seinen Einsatz. Vorteil: So hatte ich wenigsten einen zweiten Laufradsatz dabei, der später auch noch Erwähnung findet.


FiKo -10 Tage: Bei meinem Radcomputer (Edge1000) habe ich beim heraus drehen aus der Halterung „geschickter Weise“ gleich eine Haltenase mit abgedreht -> Keine Reparatur möglich! Muss eingeschickt und ausgetauscht werden. Also fragte ich meine Gattin, ob ich ihren 810er nutzen könnte. Das „Ja“ war zu erwarten, aber die dann folgende Umprogrammierereien waren doch sehr nervig. Naja, jetzt habe ich das auch drauf.


FiKo -3 Tage: Die Aufregung stieg so langsam und wurde durch einen Artikel in der Sächsischen Zeitung ordentlich angeheizt. Und auch das gespannte Verfolgen der Wetterprognosen für das Wochenende, zeugte von einer leichten Nervosität. Hier muss der Blick auf mehrere Klimazonen gerichtet werden – Fichtelberg, Chemnitz, Potsdam, Stralsund und natürlich das Kap Arkona. Es wurden trockene Straßen vor-hergesagt – sonst würde der Titel ja auch Regenwurm heißen… Nur die Windver-hältnisse standen zu 100 % suboptimal auf den Anzeigen diverser Prognoseportale -> Nord-West, böig, gefühlte Windstärke: 6 bis 7.


FiKo +/-0 Tage: der 17. Juni begann für den lieben Wolf (RTTW), der es von der Warteliste auf die Starterliste schaffte, und mich mit der Abfahrt von zu Hause gegen 0600. Danke an unseren Fahrer, welcher uns auf den Berg schaffte und bei den „Abreisevorbereitungen“ hilfreich zur Seite stand. Geübte Praxis paarte sich mit weiter steigender Aufregung. Die WC-Geschichten blende ich an dieser Stelle aus. Nach-dem der Mitnahmebeutel vollgepackt war und die Zeltplatztasche verstaut wurde, hätte es losgehen können. Unser rechtzeitiges Erscheinen bescherte uns jedoch noch einige Zeit für „RennRadlerSmallTalk“, welchen wir vorzugsweise im Fichtel-berghaus führten. Draußen wollte wirklich fast niemand sein: ~8 °C und Wind und Wind und Wind.


Das Teilnehmerfeld formierte sich dann kurz vor 10 Uhr – nur nicht so lange bewegungslos rumstehen. Im Abstand von 5 min ging jede einzelne Gruppe auf die Strecke.
Auf Eins startete die Jubiläumsfahrt-Express-Gruppe, dort war ElCapitano vom dapoo-cycling-team mit an Bord. Das klare Ziel: Streckenrekord!


Die Gruppe 1 folgte mit dem lieben Wolf (RTTW) im Peloton und dann wurde die Gruppe 2 – mit mir in der ersten Startreihe – auf die Reise geschickt. Somit war der Trockenwurm mit rund 70 - 80 Fahrern auf der Strecke. Das Motto war Zweier-Reihe und schön gegen den Wind kämpfen. Auf der kompletten linken Seite des Feldes war rund 1/3 mehr Leistung notwendig, als auf der rechten Seite im Windschatten. Die 615 km bis zum Leuchtturm gingen großenteils bergab, von 1.214 bis auf 45 Höhenmeter.
Was zwischen den Zeilen steht, sind die rund 3.000 Höhenmeter, welche sich über die Distanz dennoch ansammeln und zu überwinden sind.


Zur Optimierung der Gruppenpower benötigte das Feld fast 200 km. Nach mehreren Ansagen vom Capitano, gelang es uns, den großen Kreisel zu fahren. Das Groupetto war somit irgendwie ständig in Bewegung und der Gesprächspartner immer wieder weg. Somit konnte es passieren, dass man immer über das Gleiche sprach, aber der Gesprächspartner immer ein Anderer war. Auch eine neue Erfahrung für mich. Meine Antwort auf die Frage, wie oft ich diesen Trip gemacht habe, löste sowohl Bewunderung als auch Entsetzten aus – ein Abhängigkeitsvirus scheint doch in der Luft zu liegen. Denn selbst bei meiner diesjährigen sechsten Teilnahme, entscheidet wie immer die aktuelle Tagesform, der Energiehaushalt bezüglich der Ver- und Entsorgung und im großem Maße der Dicknisch’l das Rennen, welches ja keines ist.


Für mich als Langstreckenfan ist es im Vorfeld eine schöne Vorstellung, vom Berg zum Meer zu fahren, einmal von Süd nach Nord über die Straßen des Ostens zu düsen oder wieder in die „alte“ Heimat zu radeln. Über die Berge und Ausläufer des Erzgebirges, durch die leicht hügelige Dübener Heide, über die Elbe in Lutherstadt Wittenberg, schnurgerade durch das Land Brandenburg und dann mit Polizeieskorte mitten durch die Innenstadt von Potsdam, weiter in der Nacht als leuchtender Trockenwurm über die langen mecklenburgischen Alleen, bis das erste Mal die salzige Seeluft in Stralsund in die Nase der Teilnehmer kriecht. Den Rügendamm passierend und über die hügelige Insel Rügen bis zum Ziel - dem Leuchtturm am Kap Arkona. So oder ähnlich beschrieb es der Urvater der FiKo – er fuhr seine Eltern im Urlaub besuchen. Eigentlich mach ich das auch, mit dem entscheidenden Unterschied, dass meine Eltern am Meer wohnen und ich somit noch sehr viele dieser Fahrten vor mir haben werde, um sie mit dem Rad zu besuchen.

 

Mit einer Fahrzeit von 22h 40min erreichten wir das Ziel und fuhren geschafft, müde aber überglücklich und gesund über die Ziellinie am Kap Arkona. Die sächsische Landesflagge wehte bereits zur Begrüßung und mein Lieblingsbäcker versorgte uns mit Herzchenluftballons (#Überraschung), die wir zur Zieleinfahrt für unsere Familien und Freunde symbolisch und freudig schwenkten.


Was wäre noch erwähnenswert?
Durch den „Schlafentzug“ kommt irgendwann die Müdigkeit und da ist mentale Stärke gefragt. Hier entscheidet der Kopf, nicht die Kraft! Wie alle Ausdauersportler schwärme ich auch von ganz besonderen Eindrücken: "Wenn du nachts in der Gruppe fährst und hörst nur noch das Surren der Freiläufe, dann ist das einfach faszinierend.
Und am schönsten ist diese Art Rad zu fahren, wenn dann die Sonne wieder aufgeht." Ach ja, mein hinteres Ersatzlaufrad bekam auch noch etwa 200 km auf´s Gummi – nach Speichenbruch beim André passte meine Schaltungskonfiguration.
Es fährt sich halt mit einem alten Zipp’i doch besser als wenn ´ne Speiche fehlt. Diese haben auch großen Teamgeist, denn wenn eine Speiche geht, kommen schnell andere hinzu – besonders auf dem Pavé in Sagart (30 km vor dem Ziel). Der liebe Wolf (RTTW) ist, trotz leichter technischer Probleme, ebenfalls gut im Ziel angekommen. Wie bereits im Feld schon hinreichend diskutiert wurde – Klickpedalen werden überbewertet – Badelatschenfeeling sollte der Trend sein.
Was ist eigentlich aus ElCapitano (#dapoocycling) geworden? Die Expressgruppe, zumindest ein kleiner Teil davon, überfuhr um 04:11 Uhr die Ziellinie, ohne Luftballons, dafür aber mit sehr viel Watt am Pedal – #UnterlenkerBeißKategorie.
An Ende fehlten nur etwa 120 Sekunden am Rekord – und das bei diesem Gegenwind – Nord-West. Die Enttäuschung war riesig, denn die Erwartungen waren entsprechend hoch. Für mich dennoch eine grandiose Leistung, bei diesen Windbedingungen und vor allem bis zu den letzten Metern --> einfach alles raushauen! Chapeau!


...und noch was zum Schmunzeln?
Ungläubige Blicke haben wir erfahren, als wir in Chemnitz gefragt wurden, wo es hin geht. Wir sagten: „Zum Baden auf die Insel Rügen zum Kap Arkona…“. Das hat uns keiner geglaubt! Das Motto der Fahrt war Programm! Wir sind trotz seitlichem Gegenwind unter 24h trocken an der Ostsee angekommen. Unter 24h hatte ich bisher zwar schon erlebt, aber trocken… das war NEU für mich und das bei sechs Teilnahmen.
Der Trockenwurm zerteilte sich am Kap in viele Einzelteile. Manche mussten am kommenden Tag wieder zur Schicht und fuhren gleich heim. Andere wollten am Sonntag unbedingt noch zwei Schleusen mit dem Boot schaffen (???), aber viele von uns ließen den Tag am Stand ausklingen und schalteten stur auf Regeneration. Nass sind wir dann doch geworden, bei strahlendem Sonnschein im Meer!


Mein ganz spezieller Dank gilt allen die mitgefiebert haben, ob live an der Strecke, ob via GPS #racemap oder ganz fest in Gedanken. Der Begleitcrew der Gr2, unserem Capitano, der Küchencrew und vor allem der Disziplin in unserer Gruppe gilt ebenfalls ein ganz herzliches Merci. All dies ermöglichte uns allen eine stress- und unfallfreie Anreise zum Meer. Alles Gute den Mitreisenden, dem Bäcker, Jenser, Paul, Mike, Christoph und André sowie den Anderen.


Technische Daten:


- Aufzeichnungen mit Edge 810 der Gattin und TeckNet® Powerbank 9000mAh
- Ankunftszeit Gr2: 8:50 Uhr, Distanz: 624 km (inkl. Fahrt zum Zeltplatz)
- Durchschnittgeschwindigkeit: 30,2 km/h, Kalorienverbrauch: > 8500 kcal
- Durchschnittstemperatur: 16 °C, tagsüber > 22 °C und die Nacht hielt 9 °C bereit
- Ernährung: Bananen, Brote, Apfelspalten, Schokolade, jede Menge Unger-Kuchen
- Getränke: Wasser, Iso, Kaffee und Plempe #petzracing
- kuchengruppe @strava, Distanzsieger KW24 – once in a lifetime


Diese Zusammenfassung beruht auf eigenen Erlebnissen und Wahrnehmungen. Für die Vollständigkeit und Richtigkeit übernehme ich keine Garantie, zumal auch ich mal müde war und sicherlich bei dem Fahrt-/Gegenwind nicht immer alles richtig verstanden
habe.


Happy riding and be safe out there1) – Jens C. alias BergZwerg_jc #strava (FiKo2017 Nr. 64)
1) Jochen, www.dapoo-cycling.com